GRIN - Eine Untersuchung des Werkes "Die wilden Hühner" hinsichtlich Geschlechterstereotypisierung und Gruppendynamik (2022)

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1. Gruppendynamiken
2.2. Geschlechtsstereotype

3. Analyse des Buches hinsichtlich Geschlechterstereotypisierung und Gruppendynami­ ken
3.1. Die Wilden Hühner
3.2. Die Pygmäen
3.3. Analyse

4. Fazit

Literaturverzeichnis

(Video) Verkehrspsychologische Untersuchung: Anmeldung und Ablauf

1. Einleitung

Zu unserer Zeit ist nicht nur die Welt um uns herum komplex geworden, sondern auch die Er­scheinungsformen der Kinder- und Jugendliteratur. Doch Differenzierungen zeigen sich nicht nur beim Alter der Lesenden, sondern auch im thematischen Bereich. Drachen. Feen, Elfen und Trolle existieren ebenso wie ganz normale Kinder, die langsam zu Jugendlichen heran­wachsen. Um diese Unterschiede auch über das Genre hinaus kenntlich zu machen, bemächti­gen sich die Autor*innen nicht nur verschiedenster Perspektiven und Fakten, sondern auch altbekannter Klischees und Vorurteile, die den Alltag der Kinder prägen.

Um dies zu erläutern, setzt sich die vorliegende Hausarbeit mit dem Buch ,,Die wilden Hüh­ner“ der Autorin Cornelia Funke auseinander. Im Fokus steht die Analyse des Textes unter den Gesichtspunkten der Geschlechterstereotypisierung in Kinder- und Jugendromanen und die Aufarbeitung von Gruppendynamiken innerhalb verschiedener Gruppenkonstellationen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, den vorliegenden Text anhand verschiedener kontextbezogener Sekundärquellen und geeigneten Textpassagen zu analysieren, um schlussendlich eine Ant­wort auf die Frage der Folgen von Wechselwirkungen zwischen Geschlecht und Gruppendy­namik bieten zu können.

Zunächst werden in Kapitel 2 die grundlegenden Begriffe definiert und erläutert. In Kapitel

3.1. und Kapitel 3.2. werden die Hauptakteure vorgestellt, auf die in Kapitel 3.3. analytisch eingegangen wird. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und erläutert.

(Video) ÄRZTLICHE UNTERSUCHUNG IN DIANAS SCHULE! Wer fliegt in die USA?

2. Begriffserklärungen

2.1. Gruppendynamiken

Um sich mit der Gruppendynamik auseinandersetzen zu können, ist zunächst eine Definition des Begriffs der Gruppe nötig. Eine mögliche Begriffsbestimmung ergibt sich hierfür aus dem Werk von König und Schattenhofer:

„[...] Gruppen [haben]

- 3 bis ca. 20 Mitglieder [...]
- Eine gemeinsame Aufgabe oder ein gemeinsames Ziel
- Die Möglichkeit der direkten (Face-to-Face-)Kommunikation
- Eine gewisse zeitliche Dauer, von 3 Stunden [.] bis zu vielen Jahren.

Darüber hinaus entwickeln Gruppen mit der Zeit

- Ein Wir-Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und des Gruppenzusammenhalts
- Ein System gemeinsamer Normen und Werte als Grundlage der Kommunikations­und Interaktionsprozesse
- Ein Geflecht aufeinander bezogener sozialer Rollen, die auf das Gruppenziel ge­richtet sind.“ (König und Schattenhofer 2020, S. 15)

(Video) Nervenleitgeschwindigkeit und Muskelaktivität messen | bei Polyneuropathie (Experte erklärt)

Mit dem Begriff der Gruppendynamik wird folglich versucht, die Verhaltensweisen des Indi­viduums in der strukturellen Divergenz der Gruppe zu begreifen. Krainz zieht dabei einen Ver­gleich des Philosophen von Ehrenfels heran, um die Thematik weniger abstrakt zu machen:

„[...] der österreichische Philosoph von Ehrenfels verwies auf das Phänomen der Transpo- nierbarkeit einer Melodie. Eine Melodie besteht aus Tönen, ist aber nicht die „Summe“ dieser Töne. Wäre sie dies, dann könnte man sie nicht mehr wieder erkennen, wenn man sie in eine andere Tonart transponiert (und damit jeden Ton verändert). Dass man sie aber doch als die gleiche Melodie wieder erkennt, liegt an der Qualität der Ganzheit, die durch die Relation der Teile zueinander bestimmt ist" (Krainz 2006, S. 15).

Auf das Konstrukt einer Gruppe übertragen bedeutet dies, dass die Gruppe ihren Wiederer­kennungswert durch die Beziehungen zueinander zwischen den Mitgliedern und deren Ver­haltensweisen erhält. Tauscht man die Gruppenmitglieder aus, während die Dynamik unter ih­nen keinen Wandel vollzieht, so werden trotzdem die Eigenschaften der Gruppe erkannt und diesem bestimmten Gruppentyp zugeordnet. Die Art der Gruppe wird demnach nicht durch die einzelnen Mitglieder, sondern in Bezug auf die Dynamik aller erkannt.

2.2. Geschlechtsstereotype

Stereotypisierung findet in allen erdenklichen Formen und Arten in völlig unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens statt. „Unter Stereotypen verstehen wir [.], dass Personen, die eine Gruppenzugehörigkeit teilen (jeweiligen sozialen Kategorien angehören), bestimmte Merkmale (z. B. Verhaltensweisen, Personeneigenschaften, Einstellungen) zugewiesen wer­den“ (Wolter 2020, S. 4). Hier sind Gruppen anzuführen, die bestimmten Präferenzen nachge­hen, also beispielsweise die gleiche Musik hören oder einen ähnlichen Kleidungsstil aufwei­sen. Ein Individuum, das bevorzugt Stücken der Musikrichtung Heavy Metal lauscht, wird also nicht die gleichen Assoziationen wecken wie eines, das sich der Oper widmet. Der ver­mutlich ersten und prägnantesten Stereotypisierung, welcher wir begegnen ist die der Ge­schlechter. Seit Jahrtausenden werden Männern und Frauen bestimmte Charaktereigenschaf­ten zugesprochen, die diese vermeintlich zu erfüllen haben, um als Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Frauen sollen laut diesen häuslich, folgsam, emotional und liebevoll sein, wobei ebenso Attribute wie die Hysterie oder plötzliche Stimmungsschwankungen zuge­schrieben werden. Männer hingegen sollen unerschütterlich, stark, aber auch charakterlich ba­nal und wenig sensibel sein. Missachtet wird dabei, dass viele dieser Eigenschaften lediglich durch die Erziehung bedingt sind. Mittlerweile spielt aber nicht nur die Erziehung eine Rolle.

Auch die Medien haben einen immer stärkeren Einfluss auf die Kindesentwicklung und nut­zen die Stereotypisierung, um Zielgruppen anzusprechen und den Unterhaltungswert zu erhö­hen. „Da Medien eine selbstverständliche Rolle in unserem Leben spielen und Heranwachsen­de auf der Suche nach Orientierung sind, besteht die Gefahr, dass sie die Klischees, die ihnen immer und immer wieder begegnen, als ernstzunehmende Orientierungen bei der Suche nach Geschlechtsidentität wahrnehmen“ (Eder 2020, S. 20). Erst seit den letzten Jahrzehnten wird versucht, diesen eingebrannten Stereotypen entgegenzuwirken.

(Video) Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung der ias-Gruppe

3. Analyse des Buches hinsichtlich Geschlechterstereotypisierung und Gruppendyna­miken

3.1. Die Wilden Hühner

Die wilden Hühner bestehen aus Charlotte, die Sprotte genannt wird, Frieda, Trude und Mela­nie. Am Anfang ist es Sprotte, die die Idee einer Bandengründung hat, weshalb sie fortan als Anführerin der Bande wahrgenommen wird. Sie wird eher mit männlichen Charakterzügen und als wenig sensibel im Umgang mit der rivalisierenden Jungenbande namens „Pygmäen“ dargestellt: „Wenn Fred jetzt hier wäre oder irgendein anderer von diesen blöden Pygmäen, dachte Sprotte, ich würde den so verhauen, dass er drei Tage nicht sitzen kann“ (Funke 2018, S. 29). Als es um einen Bandenschwur geht, zeigt sie ein regelrecht rüdes Benehmen, wäh­rend die anderen Mädchen sich zurückhalten: „»Wir könnten uns auch nur in den Finger ste­chen«, schlug Sprotte vor. [...] »Ach ja? Und dann haben wir alle Blutvergiftung oder so was. Nee«, sagte Melanie. »Wir nehmen Spucke. Spucke geht auch.«“ (Funke 2018, S. 20). Frieda ist Sprottes beste Freundin. Sie hat einen kleinen Bruder namens Luki, auf den sie zum Leid­wesen der anderen Bandenmitglieder ständig aufpassen muss: „»Ich bin heute Nachmittag zum Kaffee eingeladen, Frieda. Spätestens um sechs bin ich zurück. Vielleicht hat Sprotte ja Lust, dir Gesellschaft zu leisten, und ihr passt zusammen auf Luki auf, ja?«“ (Funke 2018, S. 39). Melanie wird als das „Modepüppchen“ in der Bande wahrgenommen (vgl. Funke 2018, S. 5). Im Buch wird sie mehrmals als die “schöne Melanie“ bezeichnet (vgl. Funke 2018, S. 8), achtet sehr auf ihr Äußeres und wird teilweise als Zicke dargestellt. Sie ist sehr beliebt bei den Jungen, was Sprotte nicht gefällt: „»Nein, sie haben jetzt ein Baumhaus«, sag­te Melanie. [.] Misstrauisch sah Sprotte sie an. »Woher weißt du denn das?« [.] »Na, wo­her wohl?«, sagte sie schnippisch. »Ich bin da gewesen. Fred hat mich eingeladen.«“ (Funke 2018, S. 36 f.). Trude ist die beste Freundin von Melanie. Sie ist ihr sehr zugetan und macht nichts ohne ihr Einverständnis. Auch der Bandengründung stimmt sie erst zu, als Melanie ihre Zustimmung gibt: „Eine Sache war für sie erst in Ordnung, wenn Melanie ihren Segen dazu gab“ (Funke 2018, S. 10). Bei den Jungen ist sie weniger beliebt, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie stets mit Melanie im Vergleich steht: „O Mann, Willi!«, stöhnte Torte und schnalzte mit der Zunge. »Du hast vielleicht ein Glück. Die schöne Melanie, uiiih! Ich hab nur die olle Trude!“ (Funke 2018, S. 68).

3.2. Die Pygmäen

Die rivalisierende Jungenbande der wilden Hühner nennt sich „Pygmäen“ und besteht eben­falls aus 4 Mitgliedern. Fred ist Anführer der Bande. Er führt die Bande in autoritärer Form und nutzt dies, um gegenüber den anderen Mitgliedern das Kommando zu ergreifen: „Heee, du sollst Wache halten!«, schnauzte Fred ihm entgegen. »Nicht mit deinen blöden Karten rumspielen!“ (Funke 2018, S. 70). In vielen Situationen fällt außerdem auf, dass er sich den anderen Bandenmitgliedern gegenüber überlegen fühlt: „»Mann, ihr könnt wirklich froh sein, dass die Mädchen euch nicht hören. Die beiden Helden haben Angst vor Hühnern und du hast bloß deine idiotischen Zaubertricks im Kopf. Ich fass es nicht!«“ (Funke 2018, S. 70). Torte hingegen wird als Mensch wahrgenommen, der gern Scherze macht, wobei sich dies auch in seinem Verhalten gegenüber den weiblichen Personen zeigt: “ Da stand Torte. Kichernd und mit den Hüften wackelnd. Mit zwei winzigen Zöpfchen auf dem Kopf.“ (Funke 2018, S. 37). Nach der Beschreibung ist er von eher kleiner Statur und körperlich schwach. Dies versucht er durch eine gewisse Lautstärke im Gespräch auszugleichen. Das dritte Mitglied ist Willi, wel­cher das männliche Klischee völlig erfüllt. Er ist Freds Leibwächter und körperlich sehr stark, was ihm den Spitznamen „der Würger“ eingebracht hat (vgl. Funke 2018, S. 34). Außerdem beschreibt ihn die Autorin als sehr schweigsam, aber mit einem aufbrausendem Naturell (vgl. Funke 2018, S. 6). Im Laufe des Buches wird sein Leben thematisiert und es wird klar, dass er unter der strengen Hand seines Vaters leidet. Dies gipfelt darin, dass er mit einem blauen Auge in die Schule kommt (vgl. Funke 2018, S. 94 f.). Er will sich allerdings weder helfen lassen noch darüber reden. Das letzte Mitglied der Pygmäen ist Steve. Er läuft ständig mit ei­nem Kartenspiel herum und zeigt einen ruhigen Charakter. Gegen Ende des Buches entwi­ckelt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Trude. Er wird als etwas dicklich und recht albern beschrieben: „Neben Fred hockte der dicke Steve und kicherte albern“ (Funke 2018, S. 34).

3.3. Analyse

Das Buch bedient sich dem Klischee „Jungen gegen Mädchen“, hier dargestellt als eine Fehde zwischen zwei verfeindeten Cliquen. Damit trifft das Werk einen Nerv der Zielgruppe. Im Laufe des Alters orientieren sich Kinder an den Gruppen des eigenen Geschlechts, sodass häufig eine gewisse Abneigung gegenüber dem anderen Part entsteht. Eine Abweichung ist erst als Folge der weiteren Entwicklung zu bemerken. Eine Studie von Kai-Christian Koch beschäftigt sich mit diesem Phänomen und verweist mehrmals auf die Möglichkeit, dass dies eine Nebenwirkung der Pubertät sei (vgl. Koch 2011). Dafür würden zum Beispiel die unter­schiedliche Entwicklung und Veränderung von Körper und Geist innerhalb dieser Phase spre­chen. Diese Veränderung kann Kinder verwirren und sie suchen sich eher die Gruppen von Menschen aus, denen das Gleiche widerfährt, um sich verstanden zu fühlen. In genau dieser Phase knüpft das Buch an.

Es gibt die beiden Banden, rein weiblich und rein männlich, die sich gegenseitig bekämpfen. Die offensichtliche Abneigung gegen Jungen fällt vor allem bei Sprotte auf: „»Na, ich häng bestimmt nicht dauernd mit den Jungs rum!«, knurrte Sprotte. »Muss vielleicht jede so 'ne Jungenshasserin wie du sein?«, fauchte Melanie zurück“ (Funke 2018, S. 27). Anhand des Zi­tats ist aber auch zu erkennen, dass Melanie anders denkt. Bei ihr hebt sich das Interesse an Jungen schon deutlicher hervor. So besucht sie die Pygmäen zum Beispiel im Baumhaus, um mit ihnen Zeit zu verbringen (vgl. Funke 2018, S. 36). Sie erfreut sich großer Beliebtheit und bekommt viele Liebesbriefe (vgl. Funke 2018, S. 71). Bei den Pygmäen wiederrum ist es Tor­te, der mit Sprüchen wie „»Doof sind die alle«“ (Funke 2018, S. 71) auf sich aufmerksam macht, aber am Ende doch heimlich Liebesbriefe verteilt. Man erkennt also langsam auch den Wandel der Neigungen, der mit der wachsenden Reife einhergeht.

Innerhalb des Buches werden viele Charaktere beschrieben, die sowohl das typische Klischee bedienen als auch das genaue Gegenteil davon sind. So werden zum Beispiel die beiden älte­ren Menschen als exzentrisch beschrieben. Sprottes Oma, genannt Oma Slättberg, ist eine sehr strenge alleinlebende Frau, die wenig Liebe und Herzlichkeit zeigt. Während der Geschichte ist sie zu ihrer Schwester gefahren, weswegen Sprotte auf ihr Haus, die Tiere und den Garten aufpassen muss. Anhand vieler Kleinigkeiten kann man erkennen, wie die Beziehung zwi­schen Sprotte und ihrer Oma ist. So hat Sprotte starke Angst, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert: „»Du verstehst das nicht!«, rief Sprotte und ihre Unterlippe zitterte. »Meine Oma bringt mich um, wenn eine von den Hennen fehlt.«“ (Funke 2018, S. 26). Herr Feistkorn ist der Nachbar von Oma Slättberg und wird als ein sehr schlecht gelaunter und auch neugieriger älterer Herr beschrieben. Er mag keine Kinder und fängt ständig an, Sprotte wegen Kleinig­keiten zu rügen. Zum Höhepunkt hin ruft er sogar die Polizei wegen Ruhestörung (vgl. Funke 2018, S. 82). Diese Charakterbeschreibungen folgen dem Klischee der neugierigen kinderhas­senden älteren Gesellschaft, wie man des Öfteren in der Realität erlebt. Sprüche wie „Die heutige Jugend ist so respektlos“ sind ebenso den Vorurteilen gegenüber Menschen jenen Al­ters zuzuordnen, wie die ältere Dame, die im Rentenalter den Tag nutzt, um die Umgebung zu beobachten.

(Video) Die Cosquer-Höhle | Doku HD | ART

Betrachtet man die spezifischen Charaktere innerhalb des Buches, so findet man viele Eigen­schaften und Situationen, die als geschlechtsstereotypisch einzuordnen sind. Ein Beispiel hier­für ist Melanie. In dem Kapitel 3.1 wurde ihr Charakter bereits erläutert. Bekannt als das be­liebte Modepüppchen mit einem zickigen Charakter vereint sie viele Klischees, die man mit einem typischen mädchenhaften Charakter in Verbindung bringt. Sie ist zimperlich, eitel, ach­tet sehr auf ihr Äußeres und umgibt sich mit Freunden, die sie verehren. Mit dieser Einstel­lung kommt sie gut bei den Jungen an. Die Situation in Friedas Familie ist ein weiteres Bei­spiel für die Stereotypisierung der Frau. Von ihr wird erwartet, dass sie sich um ihren kleinen Bruder kümmert. Obwohl sie einen weiteren Bruder hat, fällt trotzdem ausschließlich ihr die­se Aufgabe zu und es wird als selbstverständlich erachtet, obwohl sie deutlich ihr Missfallen äußert. Ebenso wird angedeutet, dass ihre Freundinnen es toll finden würden, ihr beim Baby­sitten zu helfen (vgl. Funke 2018, S. 39). Mit dieser Situation wird ein typisches veraltetes Frauenbild aufgegriffen, in denen das weibliche Geschlecht als Hausfrau und Mutter agiert. Typisch männliche Attribute sind primär bei Fred und Willi zu finden. Fred ist ein recht über­heblicher, aufbrausender und auch autoritärer Charakter, wie in Kapitel 3.1 beschrieben. Wa­genheim stellt die Hypothese auf, „dass er Männlichkeit zum Teil durch den weiblichen Blick definiert, indem er andeutet, dass sich die Mädchen über die anderen Jungen amüsieren und diese somit als wenig männlich wahnehmen [sic!] würden“ (Wangenheim 2021, S. 30 f.). Ihm sind männliche Attribute sehr wichtig und in der äußeren Perspektive will er als ein typisch männlicher Charakter anerkannt werden und ärgert sich dementsprechend über andere, die diesen Wunsch nicht hegen. Willi dagegen ist die Verkörperung der männlichen Klischees, während Melanie für die weiblichen Eigenschaften steht. Er ist sehr stark und gewaltbereit, was sein Spitzname schon erkennen lässt (vgl. Kapitel 3.2). Das ausgeprägteste Merkmal ist allerdings seine wenig sensible Art, er zeigt kaum Gefühle. Im Buch wird mehrmals auf seine familiäre Situation angespielt, er jedoch sucht weder Hilfe noch beklagt er sich. Nur selten er­kennt man, wie er unter seinem Vater wirklich leidet: „»Oh, Scheiße!« Hastig stieg Willi auf sein Rad. Die andern glaubten ein Schluchzen zu hören, aber dann war er auch schon ohne ein weiteres Wort verschwunden. »Was ist denn mit ihm?«, fragte Frieda besorgt. »Sein Vater verhaut ihn gern«, sagte Fred“ (Funke 2018, S. 84). Mit diesem stillen Ertragen von Schmerz verkörpert er die psychische Stärke, die ein Mann laut der Stereotypisierung ausstrahlen soll. Sprüche wie „Ein Indianer kennt kein Schmerz“ sind weitestgehend bekannt. Ein Mann, der weint und sich beklagt wird als schwach und wenig männlich bezeichnet.

Auch wenn viele Charaktere in Cornelia Funkes Werk den stereotypischen Erwartungen der verschiedenen Geschlechter entsprechen, so gibt es auch Charaktere, die Abweichungen zei­gen. Darunter die Protagonistin Sprotte, die wenig mädchenhafte Eigenschaften aufweist. Ihr jungenhafter Charakter steht im Wiederspruch zu Melanies Auftreten. Sie ist die Anführerin der Bande, hat ein ungezügeltes Temperament, zeigt körperliche Gewalt in Auseinanderset­zungen und ist kaum zurückhaltend, wie in Kapitel 3.1 beschrieben. Auch ihre Mutter zeigt sich nicht als klischeehafte Vertreterin ihres Geschlechts. Als Taxifahrerin und alleinerziehen­de Mutter ist sie nicht nur das Gegenteil einer Kinder umsorgenden Hausfrau in einer intakten Familie, sie übt auch noch einen Beruf aus, der von Männern dominiert ist. Sie arbeitet hart und zumeist nachts, sodass Sprotte viel Zeit ihres Lebens allein oder bei ihrer Oma verbringt. Damit widerspricht sie den Klischees des weiblichen Geschlechts in vielerlei Hinsicht. Auf der männlichen Seite sind es Torte und Steve, die von der scheinbaren Norm abweichen. Bei­de entsprechen äußerlich eher weniger den männlichen Attributen. Torte ist klein, während Steve als dicklich beschrieben wird. Vom Charakter her sind beide unreif. Das häufig erwähn­te Kichern von Steve steht im Gegensatz zur Ernsthaftigkeit und psychischen Stärke, die die Männlichkeit verkörpert. Torte weist durch sein auffälliges Verhalten und seine beinahe zwanghafte Belustigung gegenüber seinen Mitmenschen wenig männliche Attribute auf. Sei­ne Kommentare über die „doofen Mädchen“ unterstreichen dies.

[...]

Videos

1. Sportmedizinische Diagnostik
(Know it Anatomie & Training)
2. Geschäfte mit vergifteten Grundstücken | Panorama 3 | NDR
(ARD)
3. The Mad Monster  (1942) Drama, Horror, Romance Monster Movie
(Cult Cinema Classics)
4. Berwalds Team unter Stress | Folge 5 | Kinderarzt Berwald (S01/E05)
(hrfernsehen)
5. Elif Episode 142 | English Subtitle
(Elif Dizisi)
6. Knieschmerzen ⚡️ Ursachen, Symptome, Untersuchung & Behandlung
(Ihr Sportarzt)

You might also like

Latest Posts

Article information

Author: Van Hayes

Last Updated: 08/02/2022

Views: 5764

Rating: 4.6 / 5 (46 voted)

Reviews: 85% of readers found this page helpful

Author information

Name: Van Hayes

Birthday: 1994-06-07

Address: 2004 Kling Rapid, New Destiny, MT 64658-2367

Phone: +512425013758

Job: National Farming Director

Hobby: Reading, Polo, Genealogy, amateur radio, Scouting, Stand-up comedy, Cryptography

Introduction: My name is Van Hayes, I am a thankful, friendly, smiling, calm, powerful, fine, enthusiastic person who loves writing and wants to share my knowledge and understanding with you.